„Muss ich dann ins Gefängnis?“ – Dr. Nepomuk Gasteiger (visionbites) über Kundenkommunikation zum BFSG

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Foto von Dr. Nepomuk Gasteiger. Daneben der Text "Muss ich jetzt ins Gefängnis? - Dr. Nepomuk Gasteiger (visionbites) über Kommunikation zum BFSG
Oft drehen sich Kundengespräche über das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) oder die BITV 2.0 zwischen Agenturen und Kunden um Paragraphen und Pflichten. Wie man in dieser Gemengelage mit der eigenen Haltung überzeugt, erzählt Dr. Nepomuk Gasteiger von visionbites im Interview.  Außerdem hat er uns einen Blick in seine äußerst spannende Toolbox gewährt, die ihm die Erstellung von Alt-Texten extrem erleichtert. 

mittwald: Hallo Nepomuk, stelle dich doch bitte kurz vor. Wer bist du, was machst du? 

Nepomuk: Hallo Sebastian, ich bin einer der Gründer und Geschäftsführer der Digitalagentur visionbites aus München. Wir sind seit über 20 Jahren im TYPO3-Umfeld aktiv und arbeiten heute vor allem mit Enterprise-Kunden – viele aus dem Klinikbereich. Dazu kommen Verbände, Parteien und B2B-Unternehmen. Neben TYPO3 setzen wir auch auf Kirby, um kleinere Projekte umzusetzen. Ich selbst bin inzwischen hauptsächlich für Strategie und Marketing verantwortlich. 

mittwald: Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz tritt im Sommer in Kraft. Ist das bei euren Kunden schon angekommen? 

Nepomuk: Teilweise. Unsere Bestandskunden haben wir frühzeitig informiert, weil bei größeren Projekten oft ein Jahr vergeht, bis alles umgesetzt ist. Bei Neukunden ist das sehr unterschiedlich: Manche wollen von Anfang an, dass ihr Projekt accessible ist. Andere fragen: „Muss das wirklich sein?“ Da geht es dann schnell um juristische Grauzonen – oder schlicht um Geld. 

In einem Gespräch wurde ich tatsächlich gefragt, ob der Verantwortliche ins Gefängnis muss, wenn wir die Seite nicht optimieren.

Porträt von Nepomuk Gasteiger
Dr. Nepomuk Gasteiger
Geschäftsführer & Gründer von visionbites

mittwald: Und wie gehst du damit um? 

Nepomuk: Das kommt stark auf den Kontext an. Bei großen Organisationen wie Krankenhäusern oder Verbänden argumentiere ich tatsächlich nicht nur mit Paragraphen - ich bin ja kein Rechtsanwalt. Es ist unsere Firmenphilosophie, dass Websites zum Beispiel für Krankenhäuser grundsätzlich barrierefrei sein sollten, auch wenn sie vielleicht in irgendeinem Paragraphen nicht explizit genannt werden. Ich finde, es gehört zu unserer Verantwortung, Menschen den Zugang zu digitalen Informationen nicht unnötig schwer zu machen – das gilt besonders für den Gesundheitsbereich. 

Bei kleineren B2B-Kunden, die vielleicht gar nicht vom BFSG oder der BITV 2.0 betroffen sind, bin ich flexibler. Da sage ich ehrlich: Ihr müsst das nicht zwingend machen. Aber ich erkläre auch, warum es trotzdem sinnvoll ist – zum Beispiel, weil es die Website für alle einfacher nutzbar macht. 

Manchmal stoßen wir aber auch auf echte Widerstände – da heißt es dann: Der Chef will das nicht, oder schicken Sie mir bitte exakt den Gesetzestext, der uns verpflichtet. In einem Gespräch wurde ich tatsächlich gefragt, ob der Verantwortliche ins Gefängnis muss, wenn wir die Seite nicht optimieren. In solchen Fällen versuche ich, den Druck rauszunehmen und stattdessen aufzuklären: Was heißt Barrierefreiheit konkret? Was können wir garantieren – und was liegt beim Kunden, etwa bei Alt-Texten? Es geht dann viel um Kommunikation und Vertrauen. Das ist übrigens auch bei Pitches ein wichtiges Thema.  

BFS-Quick-Check 

Ob dein Projekt vom BFSG betroffen ist, entscheiden manchmal Kleinigkeiten. Um bei dieser Frage Sicherheit zu bekommen, kannst du bei visionbites den BFSG-Quick-Check machen. Dort erfährst du in wenigen Klicks, ob du zur digitalen Barrierefreiheit verpflichtet bist. 

mittwald: Wieso? 

Nepomuk: Du weißt nie, was die anderen Agenturen einreichen. Vielleicht kommt jemand mit riesigen Bildern, stylischem Text und knalliger Optik – das aber alles andere als barrierefrei ist. Wenn wir dagegen mit einem zugänglichen Design antreten, das vielleicht visuell etwas ruhiger ist, kann das auf den ersten Blick weniger „wow“ wirken. 
Dann läufst du Gefahr, dass dein Design aus dem Rennen fliegt, obwohl es das sauberste ist. 

Wir haben für uns trotzdem entschieden, Projekte immer barrierefrei anzubieten. Wir erklären im Pitch-Dokument dann, warum wir Dinge so gestalten, wie wir sie gestalten. Aber du weißt nie, wie das beim Gegenüber ankommt. Selbst wenn Barrierefreiheit explizit in den Anforderungen steht, bezweifle ich, dass es bei der Entscheidung dann wirklich immer noch eine Rolle spielt.  

Jetzt aber mal reinfolgen!

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Wie dürfen wir dich ansprechen?

mittwald: Wo wir gerade bei Agentur-internen Themen sind. Stefan Farnetani hat in seinem Interview von den Herausforderungen bei der Implementierung von Accessibility in Agenturen erzählt. Wie seid ihr da vorgegangen? 

Nepomuk: Heute ist Accessibility eng mit SEO, Performance und semantisch korrektem Code verknüpft. Das macht es uns leichter. Unsere Entwickler*innen arbeiten mit klaren Standards. Außerdem sind Figma Plugins wie A11Y sehr hilfreich um das Design von Anfang an barrierefrei zu entwickeln. 

Die Designer sind da übrigens total wichtig. Wenn sie die kritischen Dinge im Blick haben, müssen die Entwickler später vieles gar nicht mehr machen. Zusätzlich haben wir einen Frontend-Entwickler, der Accessibility als Fokus hat – er checkt alle Projekte noch mal separat. 

Du weißt nie, was die anderen Agenturen einreichen. Vielleicht kommt jemand mit riesigen Bildern, stylischem Text und knalliger Optik – das aber alles andere als barrierefrei ist. [...]
Dann läufst du Gefahr, dass dein Design aus dem Rennen fliegt, obwohl es das sauberste ist. 

Porträt von Nepomuk Gasteiger
Dr. Nepomuk Gasteiger
Geschäftsführer & Gründer von visionbites

mittwald: Letzte Frage: Welche Tools nutzt ihr im Alltag? 

Nepomuk: Für schnelle Checks im Frontend nutze ich WAVE und Siltide, das sind Browser-Plugins, die z. B. fehlende ARIA-Labels, fehlerhafte Überschriften-Hierarchien oder ungenügende Farbkontraste anzeigen.  

AI ist hier ein echter Game Changer: Für das Management unserer internen Accessibility Audits habe ich zum Beispiel letzte Woche mit Lovable eine App entwickelt, mit der man alle Prüfschritte der WCAG bequem durchgehen und dokumentieren kann. Am Ende kann man die Daten einfach als Grundlage für die Erklärung zur Barrierefreiheit exportieren.  

Ein großes Thema sind auch Alt-Texte – gerade bei großen Websites mit vielen Bildern. Wir haben ein Tool gebaut, das mithilfe von AI automatisiert passende Alt-Texte generiert – und zwar nicht nur einfache Beschreibungen, sondern auch in Kombination mit Produktdaten. Bei einem Shop mit 300 Tennisschlägern erzeugt das Tool zum Beispiel nicht nur Texte wie „Ein Tennisschläger vor schwarzem Hintergrund“, sondern kombiniert Marke, Modell und Eigenschaften aus der Datenbank: Außerdem erkennt die AI den Unterschied zwischen Badminton-, Squash- und Tennisschlägern. Das ist irre effizient und sorgt für echte Qualität. 

mittwald: Nepomuk, danke für das Interview!

Da war doch was!

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